Die Kinder von Corona

Kinder leiden still

Ein Jahr Pandemie, ein Jahr Maßnahmen und Einschränkungen mit fast nur einem einzigen Brennpunkt: Die Sieben-Tage-Inzidenz. Wie gebannt haben wir auf diese Zahlen gestarrt und sie waren es, welche die Reaktionen der Politik bestimmt und gerechtfertigt haben. Steigende und sinkende Zahlen waren Tagesgespräch. Die Folgen für die Wirtschaft wurden von Beginn an zumindest mitthematisiert, die Folgen für die Menschen zuerst gar nicht, später eher am Rande. Zuerst Berichte über die Auswirkungen auf Risikogruppen, Heimbewohner*innen und ältere Menschen, später auch über die Folgen für Erwachsene, erst seit kurzem über die Folgen für Kinder und Jugendliche, eine im Pandemie-Geschehen allerdings besonders vulnerable Gruppe.

Über 1.5 Millionen Kinder und Jugendliche in Österreich sind betroffen, weniger vom Virus selbst als von den Maßnahmen. Trotz der Warnungen sämtlicher Expert*innen wurden Schulen geschlossen, man durfte keine Freund*innen treffen, was einem politisch verordneten ‚Hausarrest‘ gleichkam, social distancing und distance-learning über lange Zeiträume, die Maske als ein im Gesicht getragenes Symbol von Schutz und der Gefahr, ich könnte mich schuldig machen, dass meine Eltern oder Großeltern erkranken und im allerschlimmsten Fall sogar sterben. Kinder können den Realitätsgehalt nicht einschätzen und kaum reflektieren. Sie leiden still oder bilden Symptome.

Die Pandemie macht krank, nicht nur durch das Virus

All das bedeutet chronischen Stress und schwer bearbeitbare Ängste, was zur Schwächung des Immunsystems und zu Symptomen psychischer Erkrankungen und psychosomatischer Beschwerden führen kann. Georg Psota, Chefarzt des PSD Wien auf einer Pressekonferenz im Wiener Rathaus vom 24.2.2021: „Mehr als die Hälfte der Kinder und Jugendlichen habe [durch die Pandemie, Anm.] relevante psychische Probleme entwickelt.“ Eine deutsche Studie (Copsy-Studie Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf) spricht von einem Drittel. Rückzugstendenzen, Aggressionen, vermehrte Kopf- und Bauchschmerzen bis hin zu Angst- und Zwangsverhalten, Panikzuständen oder Essstörungen. Das Risiko, dass sich daraus längerfristige Erkrankungen entwickeln, ist hoch.

Eine Studie der Donau-Uni Krems zeigt: „56 Prozent leiden unter einer depressiven Symptomatik, die Hälfte unter Ängsten, ein Viertel unter Schlafstörung und 16 Prozent haben suizidale Gedanken.“

Die Kinder- und Jugendpsychiatrie, ohnehin das Stiefkind von Medizin und Psychiatrie, macht sich bemerkbar, wird jedoch eher ignoriert als gehört, obwohl sie bereits an ihre Kapazitätsgrenzen stößt, es fehlen Behandlungsplätze, es fehlen Therapieplätze.

Der Public Health Experte Martin Sprenger kritisiert, dass Politik und Gesellschaft nichts für die Gruppe der betroffenen Kinder und Jugendlichen getan haben und der Neurobiologe Gerald Hüther geht so weit zu sagen: „Wir werden, wenn das alles vorbei ist, unsere Kinder sehr um Verzeihung bitten müssen, für das was wir ihnen angetan haben.“ (Presseaussendung der APA)

Hinschauen, Brennpunkt erweitern – LOCKDOWN KINDERRECHTE

Patricia Marchart und Judith Raunig haben diesen Kindern und Jugendlichen mit ihrem Film ‚LOCKDOWN KINDERRECHTE‘ eine Stimme gegeben. „Es wird Zeit, dass wir diese Krise nicht mehr ausschließlich durch die epidemiologisch-virologische Brille sehen“, so Judith Raunig, klinische Psychologin. Und die Regisseurin Patricia Marchart meint dazu: „Die Kinder sind verschwunden. Ihr Lachen. Ihr Schreien. Ihr in die Luft springen und die Welt erobern. Ich will es nicht glauben, dass wir in einer Welt leben, wo Angst und Panik die Regie übernommen haben“ (ebd., APA Presseaussendung)

Der Film wurde teilweise von Kindern mitgestaltet, zu Wort kommen verschiedenste Expert*innen und Betroffene und natürlich die Kinder selbst, die ihre durch Corona-Maßnahmen bedingten Leiden schildern.

Unterstützung für die Produktion kam von der ICI – Initiative für Evidenz-basierte Corona-Informationen. Auf jegliche öffentliche Förderung wurde verzichtet, um unabhängig zu bleiben. Der Film wird kostenlos zum Streaming angeboten: Link zum Film LOCKDOWN KINDERRECHTE.

Um die bisherigen Produktionskosten zu decken und für weitere Projekte zum Thema sind Spenden willkommen und notwendig. Hier können Sie das Projekt mit Ihrer Spende unterstützen.

Stephan Burgstaller

Kinder im Schlamm

„Während wir das kleine heimatlose Kind in der Krippe gefeiert haben, waren die Kinder im Schlamm.“ (Philipp Blom, in Sternstunde Philosophie, srf am 10.01.2021)

Seither hat sich trotz aller Beteuerungen der Politik wenig geändert. Auch wenn es jetzt Plastikplanen über den Zelten gibt, sind die Bewohner*innen immer noch Witterung, Kälte und Stürmen ausgesetzt. Eine Toilette für hunderte, 20 Duschen für tausende Menschen, Trinkwasser und medizinische Versorgung sind Mangelware. Oft wird verdorbenes Essen verteilt. Die Menschen leben in täglicher Angst und Hoffnungslosigkeit.

Für Erwachsene schwer genug, für Kinder unerträglich. Für sie ist das Umfeld noch unsicherer, Missbrauch, Vergewaltigung und Schlägereien sind Alltag. Viele der Kinder entwickeln schwerste depressive Symptome bis hin zur Suizidalität. Was muss wohl sein, dass ein Achtjähriger versucht, sich das Leben zu nehmen.

Ein neues Lager
Kara Tepe war nur als Übergang geplant. Es gibt Pläne, ein neues Lager zu bauen, voraussichtliche Fertigstellung Herbst 2021. Dort werde es einen geschlossenen Bereich für Flüchtlinge, die abgeschoben werden sollen, geben. Die anderen ‚Insassen‘ (!) befinden sich in einem ‚kontrollierten‘ Bereich, das ganze Lager wird mit einem Zaun umgeben. Selbst wenn Unterkünfte und Bedingungen besser wären, handelt es sich nach dieser Beschreibung wohl eher um ein Gefangenen-Lager.

Es geht nicht darum weitere Lager zu bauen. Ich gehe so weit zu behaupten, weitere Lager sind ein Verbrechen. Es geht darum eine Asylpolitik zu etablieren, die unseren Werten, die wir so gerne ins Treffen führen, entspricht. Menschenrechte, Europäische Menschenrechtskonvention. Wo ist der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, der die Einhaltung überprüfen sollte? Der müsste doch ununterbrochen in den Schlagzeilen sein!

Verbrechen an der Menschlichkeit
Nicht in den Schlagzeilen, aber auf der Straße sind Bürger*innen-Initiativen wie z.B. in Tirol, die regelmäßig an die Lager erinnern und schnelles Handeln einmahnen. In den Lagern kommt Hilfe vor allem von NGOs. Bürgerinnen und Bürger leben die Werte, die Politiker*innen gerne in leere Worthülsen packen.

Ihr, nationale und europäische Politiker*innen, ihr seid verantwortlich dafür, dass sich Staaten und Europa an ihre eigenen Werte halten, dass Menschenrechte nicht bloß am Papier stehen. Das ist Aufgabe von Politik. Die Bürger*innen sind bereit dafür, bereit, auch etwas dafür zu tun. Angebote für die Aufnahme von Flüchtlingen in Gemeinden gibt es genug. Bürger*innen haben aber keine Umsetzungsmacht. Die habt ihr. Sie nicht zu nutzen wäre ein Verbrechen an der Menschlichkeit.

Stephan Burgstaller

Abertausend rosa Kaninchen – und kein Ende?

Beitrag eines Freundes

Wieder drei rosa Kaninchen.
Symbolisch in Wien, Zinnergasse 29A, zurückgelassen.
In Form von Tränen und Nicht-Verstehen. In Form von ungläubigem Staunen einer österreichischen Schulklasse, was hier ihrer Mitschülerin zugefügt wird. Zerrissene Kaninchen, zerrissen durch Unterschriften oder gleichgültiges Zuschauen von Innenminister, Bundeskanzler u.a. Funktionsinhabern. Zerrissene Kaninchen, zerfetzt durch zynische Sprüche von vermummten Polizisten mit scharfen Hunden.

Wieder hatten wir einen Jahreswechsel (der untenstehende Text von Lena ist über ein Jahr alt). Wieder haben „Verantwortliche“ nicht verantwortlich gehandelt.
Ein Jahr des coronabedingten Lernens, dass das Miteinander wichtiger ist als Wachstumsideologie und Nationalismus, wurde nicht genutzt.

Halten wir trotzdem fest an unseren Hoffnungen.
 „Es bleibt nur der Wunsch, dass die Hoffnung, die einem Jahreswechsel innewohnt, weiterlebt. Dass die Menschheit in naher Zukunft lernt, dass das Wachstum der Wirtschaft weit weniger wichtig ist, als das Wachstum von Menschlichkeit, Empathie und Verständnis.“


Hier der ganze Beitrag von Lena Burgstaller vom 2. Jänner 2020:

Am Beginn eines neuen Jahrzehnts, einem Moment voller Hoffnung, macht einen der Film „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ schon sehr nachdenklich bezüglich seiner Aktualität.

Ein Kind, das schon in jungen Jahren mehrmals fliehen muss, das sich immer wieder fremd fühlt, die Sprache und die Sitten nicht versteht, immer wieder Abschied nehmen und neue Freunde finden muss. Ein Kind, das schon sehr früh und ganz plötzlich erwachsen werden muss. Und dies alles ohne sein wichtigstes Plüschtier, das rosa Kaninchen.

Auch wenn der Film im Jahr 1933 spielt, kommt man nicht umhin, an die aktuelle Flüchtlingssituation zu denken. Knapp hundert Jahre später sind nach wie vor unendlich viele Kinder auf der Flucht und müssen die Erfahrung machen, fremd zu sein, nicht hineinzupassen. Wie viele Plüschtiere mussten zurückgelassen werden? Wie viele Teddybären, Hunde und rosa Kaninchen liegen verwaist im Kriegsgebiet? Irgendwo da draußen gibt es abertausend rosa Kaninchen, die vergeblich auf die Rückkehr der Kinder warten und Kinder, die jetzt ohne ihr geliebtes Plüschtier einen Platz in einer fremden Gesellschaft finden müssen.

So unscheinbar ein zurückgelassenes Stoffkaninchen sein mag, ist es doch ein Symbol für ein zerrissenes Leben. Ein Leben, in dem man nirgendwo zuhause ist und vielem Adieu sagen musste.

Es bleibt nur der Wunsch, dass die Hoffnung, die einem Jahreswechsel innewohnt, weiterlebt. Dass die Menschheit in naher Zukunft lernt, dass das Wachstum der Wirtschaft weit weniger wichtig ist, als das Wachstum von Menschlichkeit, Empathie und Verständnis.

Lena Burgstaller

 

Verlorene Kinder wo man hinsieht

Ein Beitrag von Lena Burgstaller

In der letzten Zeit weiß man als Mensch mit Gewissen gar nicht, wohin man zuerst schauen soll, für welche Kinder man sich zuerst einsetzen soll. Überall Kinder, die zwar auf andere, aber auf ihre Art und Weise, leiden.

Da sind natürlich nach wie vor die vielen Kinder in Moria, die bei Wind und eisigen Temperaturen im Wasser stehen. Denen zwar Hilfe vor Ort angeboten wird, aber genau dieser Ort ist ja das Hauptproblem. Die Beseitigung dieses „Ortes“ wäre die einzige Hilfe, die diesen Kindern etwas nützen würde. Man möchte schreien und fühlt sich gleichzeitig so machtlos.

Dann sind da jetzt auch noch die Kinder, die, gegen ihre Kinderrechte, in ein Land abgeschoben wurden, das sie überhaupt nicht kennen. Weil sie was getan haben? Weil sie gut integriert innerhalb unserer Gesellschaft gelebt haben, zur Schule gegangen sind, Freunde gehabt haben? Wofür gibt es denn überhaupt Kinderrechte, wenn Politiker*innen diese einfach nach Belieben missachten können? Was gaukeln wir den Kindern vor, wenn wir jeden November den Tag ihrer Rechte feiern?

Und dann gibt es auch noch jene Kinder, die nach wie vor in Österreich leben dürfen. Auf den ersten Blick sind sie den anderen zwei Gruppen gegenüber natürlich privilegiert. Doch selbst diese Kinder kämpfen momentan gegen psychische Probleme an. Depressionen steigen durch die Lockdown-Schulschließungen enorm an. Diese Kinder haben in ihrem Erfahrungsschatz noch nicht das Wissen, dass man durch Krisen hindurch tauchen kann. Was ja zugegebenermaßen selbst uns Erwachsenen schwer fällt.

Natürlich kann man die Kinder in Moria nicht mit jenen in Georgien vergleichen, weil letztere trotzdem ein Dach über dem Kopf haben. Die Kinder in Georgien kann man wiederum nicht mit den Kindern im Lockdown vergleichen, weil diese nicht nur ein Dach über dem Kopf haben, sondern auch in ihrem Heimatland leben dürfen.

Und trotzdem geht es all diesen Kindern auf ihre Art und Weise schlecht und das ohne ihr eigenes Verschulden. Wir (oder eher die Entscheidungsträger*innen) lassen eine Generation langsam ausbluten. Aber wie kann man all diesen Kindern wieder erklären, dass sie als Person wichtig sind und ihre Rechte haben, wenn wir sie ihnen in verschiedensten Variationen absprechen? Wie sollen aus diesen Kindern selbstbewusste, positiv in die Zukunft blickende Menschen werden?

Verlorene Kinder auf allen Ebenen und an den Schalthebeln Erwachsene, die wohl schon lange ihr Herz verloren haben…