Wir haben es getan.

Mai 2026. So laut schreien wie möglich, damit die Gegenstimme nicht gehört wird. Das war die Devise von rechts und rechts außen, nachdem bekannt wurde dass der IPCC das schlimmste Szenario, RCP8.5, aus den Szenarien gestrichen hat. Klimakatastrophe abgesagt, Weltuntergang abgesagt, die Klimalüge, Klimakatastrophe als Betrug, sogar in ‚Die Presse‘ war zu lesen: Globale Erwärmung: Die abgesagte Apokalypse. Das alles hatte nur einen Sinn: Davon abzulenken und zu verschleiern, dass die Streichung von RCP8.5 das Ergebnis eines Erfolges war, Ergebnis erfolgreicher Klimaschutzmaßnahmen. RCP8.5 konnte nur gestrichen werden, weil Klimaschutzmaßnahmen gegriffen und Wind und Solarenergie sich unerwartet schnell entwickelt und verbreitet haben.

Nie war es eine Prognose und schon gar keine ‚Prophezeiung‘, sondern eben ein Szenario, was wäre, wenn wir weiterhin ungebremst fossile Stoffe verbrennen und in die Luft pusten würden. Dem haben Wind, Sonne und Klimaschutz einen Strich durch die Rechnung und so das schlimmste, ja, nur das ‚allerschlimmste‘ Szenario unwahrscheinlich gemacht.

‚RCP8.5 nicht mehr wahrscheinlich, wir sind auf dem richtigen Weg‘, ‚RCP8.5 gestrichen: Wind und Solarenergie wirkt‘, ‚RCP8.5 gestrichen: Energiewende könnte Klima retten‘. – so ähnlich hätten die Schlagzeilen aussehen können, mit Artikeln, die uns darin bestärken, dass wir uns zwar immer noch auf einem Pfad befinden, der in die Überhitzung führt, wir aber auf dem richtigen Weg sind und wirksame Mittel besitzen, den Treibauseffekt einzudämmen: Weitere Klimaschutzmaßnahmen, Fossiles Verbrennen beenden, Erneuerbare Energieformen ausbauen. Das haben ‚wir‘ getan und damit RCP8.5 sehr wahrscheinlich verhindert.

Ausnahmsweise mehr vom Gleichen, wenn es um die Erneuerbaren geht. Wenige Zeitungen titelten in dieser Richtung. Der Standard: „RCP8.5“: Ist die Klima-Apokalypse abgesagt? Leider noch lange nicht und erfreulicher Weise gerade die Gratis-Zeitung ‚heute‘: ‚Warum die „Klimaentwarnung“ ein Trugschluss ist‘ und anschließend: „Die aktuelle Debatte wird politisch instrumentalisiert. RCP8.5 war nie eine Prognose, sondern ein bewusst extremes Hoch-Emissionsszenario.“ Zugegeben, das hat mich überrascht.

Interessante Infos zur medialen Berichterstattung über die Klimaveränderung: Netzwerk Klimajournalismus Österreich (Partnerorganisationen in Deutschland und der Schweiz). Klima-Kodex

Wenn wir es tun.

Eigentlich wollte ich eine konkrete ‚Entgegnung‘ auf Aussagen von Minister Totschnig in der Pressestunde (5.7.2026 in ORF 2) schreiben, musste aber schlussendlich akzeptieren, dass ich es nicht kann, denn seine Aussagen sind großteils so inhaltsleer und sinnbefreit, dass eine Entgegnung wirklich schwer fällt. Selten etwas Konkretes, zumeist herum- und sich herausreden, verwischen und vernebeln.

Nur zwei Beispiele:

H.Büger: „Kommt von dieser Bundesregierung irgendwas Neues bei der nächsten Hitzewelle?“ N.Totschnig: „Wir haben hier eine Querschnittsmaterie, Bund und Länder sind zuständig und wenn ich in meinem Bereich jetzt konkret schau mit der thermischen Sanierung, wenn ich ein Beispiel anführe, wir haben ein Einfamilienhaus im Murtal …“

H.Bürger: „Wieso ist es gerade im Klimabereich überhaupt möglich, zurückzugehen?“ N.Totschnig: „Wir haben intensive Verhandlungen geführt und einen ersten Schritt, dass es zur Basiskonsolidierung einen Beitrag gibt, jede Gruppe muss hier einen Beitrag leisten und dann …“

So klingt das, wenn ein Minister, der auch für das Klimaressort zuständig wäre, auf Fragen nicht antwortet. Er betont immer wieder, dass jeder Bereich seinen Beitrag leisten muss und … „was 2030 betrifft, da geht’s einfach darum, wenn jeder an einem Strang zieht, und jeder seinen Beitrag leistet, dann ist die Erreichung dieses Zieles für 2030, a bissl Minus, 48% Reduktion Treibhausgase ist möglich.“ [,,,] „Maßnahmen werden von den einzelnen Ministerien gesetzt, das Klimagesetz hat das Ziel, dass wir hier noch fokussierter arbeiten.“ … und er lege „hier ein sehr hohes Engagement an den Tag.“ Mir kommt ein Spruch aus meiner Volksschulzeit in den Sinn: ‚Öcha Bauer, Müch wead sauer.‘

Sein Fokus sei die Klimawandelanpassung. Eine wichtige Sache, keine Frage. Doch müssen wir nur so viel Anpassungsmaßnahmen setzen, weil wir es verabsäumt haben, die Ursachen zu bekämpfen. Ursachenbekämpfung scheint für ihn aber keine Denkkategorie und die Regelung durch ein KlimaSCHUTZgesetz schon gar nicht. Schade, Herr Minister.

Wir könnten! Wenn wir es tun.

Seit Jänner 2021 leben wir in Österreich ohne Klimagesetz, seit damals sitzt die Partei des Ministers durchgehend in der Regierung, 5 Jahre davon mit einer grünen Partei, mit der es ein Leichtes gewesen wäre, ein Klimagesetz (sofern es Nägel mit Köpfen macht) zu beschließen.

Ob mit oder ohne Gesetz, es gibt in jeder Situation Möglichkeiten, zu handeln. Wind- und Solarenergie haben in den letzten zehn Jahren eine unglaubliche Entwicklung an den Tag gelegt. Erneuerbare Energien sind deutlich günstiger als fossile Energiequellen geworden und erobern (auch rein wirtschaftlich gesehen) mehr und mehr Marktanteile. Legten wir alle Anstrengung in den Ausbau dieser Technologien und erforschten und entwickelten gleichzeitig die Speichermethoden, um wind- und sonnenarme Zeiten abzudecken, wir könnten die Energiewende schaffen – wenn wir es tun.

„So ein schöner Sommer, nicht wahr.“

Die Instagramseite des Bundeskanzlers beschert uns ein besonderes Video, das vielleicht noch einen gewissen Witz hätte, wenn es nicht so traurig wäre. Es ist keine Satire, sondern die Einladung an Bürgerinnen und Bürger, sich für Gespräche mit dem Bundeskanzler auf seiner Tour durch die Bundesländer anzumelden. ‚Österreich im Gespräch‘, moderiert von Arabella Kiesbauer und Vera Russwurm, ein Termin in jedem Bundesland, an jedem Termin können bis zu 200 Personen teilnehmen. Im Video (online gestellt am letzten Tag einer in Europa historisch beispiellos extremen Hitzewelle) klingt das so:

Kiesbauer: „Ah, herrlich. So ein schöner Sommer, nicht wahr.“
Kanzler: „Schön und heiß dieser Sommer, ja.“
Kiesbauer: „Haben Sie schon Pläne?“
Kanzler: „Ja, ich freue mich auf viele interessante Gespräche diesen Sommer.“
Kiesbauer: „Ja reden ist so wichtig, gell. Und vor allem, dass man sagt, was Sache ist.“ (…)
Kanzler: „Reden wir darüber, ich freu mich drauf.“

Regierung schweiget stille zu dieser Hitzewelle.

Das bräuchte man eigentlich nicht kommentieren, es spricht für sich selbst. Aber so stehen lassen kann ich es auch nicht. Das Video schafft nach 2 Tagen immerhin 537 likes und 84 Kommentare. Die Kommentare kommen von Menschen aus allen Bereichen der Gesellschaft und überschlagen sich vor Empörung und Entsetzen über so viel Ignoranz.

Nach 14 Tagen extremer Hitze befindet er ’schön und heiß, dieser Sommer‘, wobei der Sommer eigentlich noch gar nicht begonnen hat. Wo war er die letzten Tage? Selbst wenn er sich die ganze Zeit in gekühlten Räumen aufgehalten hätte, hat er doch sicher einmal Nachrichten geschaut. Oder? Wie viele Menschen wohnen in Wohnungen, in denen es auch in der Nacht noch bis zu 30 Grad hatte. Klimaanlage? Fehlanzeige. Das musst du dir erst mal leisten können und außerdem die Zustimmung von Vermieter und Hausbewohner:innen bekommen.

Historisch beispiellose Hitzewelle in Europa. Ja und?

Aufgeweichter Asphalt, aufgebrochene Betonplatten auf der Autobahn (blow up), verbogene Geleise, steigende Notaufnahmen in den Spitälern, die zum Teil ohne Klimaanlage auskommen müssen, bis hin zu den Todesfällen, der Übersterblichkeit auf Grund von Hitze, und und und, die Liste der Schäden, Belastungen und Folgen der extremen Hitze ist lang. Das Leiden, vor allem vulnerabler Gruppen, während der Hitzewelle ist Realität.

So schaut’s aus, wenn darüber gesprochen wird, was Sache ist, Herr Bundeskanzler, wenn Sie schon diese Formulierung im Video verwenden lassen. ‚Sache‘ meint in dieser Redewendung die Fakten, das eigentliche Thema, die Kernproblematik. In den vergangenen 14 Tagen war es für einen Großteil der Bevölkerung die Hitze und wie man mit ihr umgehen bzw. über/leben kann. Für Sie, den Eindruck gewinnt man in dem Video, ist das alles irgendwie nicht vorhanden. Ob Sie es nicht sehen oder nicht sehen wollen oder das Thema aus taktischen Gründen ignorieren, sei dahingestellt. Das müssen Sie mit sich selbst ausmachen.

Wenn Frau Kiesbauer einen ‚herrlichen Sommer‘ lanciert, zeugt das zwar auch nicht von viel Gespür für Realität und Notwendigkeit, aber es ist ihre Sache. Wenn Sie von einem schönen und heißen Sommer reden, am Ende einer extremen Hitzewelle unter der alle Menschen im Land gelitten haben, ist das nicht nur Ihre Sache. Sie wurden gewählt und haben einen Auftrag, sich um das Wohl der Menschen in unserem Land zu kümmern, ihre Sorgen ernst zu nehmen und nicht, sie zu verhöhnen. Nichts anderes als Verhöhnung ist es, wenn Sie am Ende einer hochbelastenden und für viele Menschen in Europa bis zum Tod führenden Hitzewelle meinen: „Schön und heiß dieser Sommer, ja.“

Betrifft: Alle

Man könnte verzweifeln, aber das erleben eh alle. Klimschutzmaßnahmen werden gekürzt, fossile Förderungen nicht angetastet. Musk wird zum ersten Billionär und eine österreichische Zeitung gratuliert, er habe damit einfache Menschen zu Millionären gemacht (wenn sie die richtigen Aktien besitzen) . Als ob es eine soziale Leistung wäre. Daran würde man erkennen, dass der Kapitalismus funktioniere. Genau. Auf der anderen Seite wird nämlich Armut produziert, Menschen der ärmeren Hälfte sind mehrfach von Kürzungen und Sparmaßnahmen betroffen, bei bestehender Armut existentiell gefährdend. So funktioniert das System. Danke für den Hinweis.

Mind the gap, tönt es regelmäßig in den U-Bahnstationen. Mind the gap zwischen arm und reich, damit müsste man Parlamente und Regierungsgebäude dauerbeschallen. Musk ist reicher als die ärmeren 46% der Weltbevölkerung, fast 4 Milliarden Menschen. Das ist kein gap, es ist ein riesiger klaffender Abgrund. Durch die extreme und weiter wachsende Machtanhäufung auf Seiten der Reichen kaum zu schließen.

Kommt dazu: Hohe soziale Ungleichheit, allseits bekannt, gefährdet Demokratie und öffnet autokratisch und rechtsextrem orientierten Parteien die Tore. Und Autokratien, wir erleben es ganz aktuell, haben mit Klimaschutz nichts am Hut. So ist der Kampf für die Demokratie ein Kampf für den Klimaschutz und richtet sich genauso gegen die Ursachen des Kollaps wie der Kampf gegen fossile Konzerne und deren weitvernetzten Lobbyismus. Wächst das System ‚Ungleichheit‘ weiter an, rückt die Erreichung der Klimaziele in noch weitere Ferne.

Aber warum hält sich dieses System so hartnäckig, wo doch der Großteil der Menschen dadurch benachteiligt wird. Warum wehren sich die Menschen nicht dagegen. Die Gründe dafür bilden eine komplexe Gemengenlage, ich möchte nur einen Punkt herausgreifen.

Aktienwirtschaft ist die kapitalistische Infiltration der breiten Bevölkerung.

Aktien sind nicht nur für die Reichen, Börsianer, Vermögensverwalter oder Fonds attraktiv, alle Bürger:innen können Aktien kaufen –  und tun es auch fleißig, je nach Einkommen mehr oder weniger. Gesprochen wird darüber kaum. Oder weißt du, wer in deinem Bekanntenkreis Aktien besitzt? Ich kenne Bezieher:innen von Mindestsicherung, die sich ein kleines Aktienpaket zusammengespart haben, in der Hoffung, damit die Haushaltskassa ein bisserl aufzubessern. Das zeigt schon, wie Aktienwirtschaft alle Schichten der Bevölkerung durchdringt.

Auch der kleinste Aktionär hofft darauf, dass er irgendwann einen Gewinn erzielen oder ihm seine Aktien die Pension aufbessern werden. Logisch und verständlich. Voraussetzung für diese Hoffnung und eventuelle Bereicherung ist das Funktionieren des Aktienmarktes, also das Funktinieren des Systems ‚Kapitalismus‘, des Systems ‚Ungleichheit‘. Die Verquickung der wenigen großen Player mit einer Unmenge an Kleinaktionär:innen zementieren das System auf breitester Ebene (zumindest in den reicheren Industrieländern, global insgesamt die Mächtigeren) und untergraben die Bereitschaft für Änderungen. Bloß kein ’system change‘ sagen die großen wie die kleinen Player. Beide wollen nicht auf ihre Gewinne verzichten. Für die Großen wäre es ein monetärer Verlust, für die Kleinen kann es den Unterschied zwischen überleben und leben ausmachen.

Für die Einen wie die Anderen bedeutet ’system change‘ eine Bedrohung. Bloß nicht. Soll doch alles bleiben wie es ist, sonst hab ich umsonst investiert und verloren. Wenn die Unsicherheit größer wird, erhöht sich zudem die Bereitschaft, im Wind von Rechts zu segeln. Mir geht es auch besser, wenn ich genau weiß, wo gut und böse daheim ist und nicht hier oder dort oder da lauern kann und ich muss mir erst alles genau anschauen, um es richtig einordnen zu können. Uranstrengend.

Doch die Welt wird u.a. durch die Geschwindigkeit der (technologischen) Entwicklungen immer komplexer, wir kommen geistig und emotional mit der Verarbeitung kaum hinterher. Auch das vergrößert die Unsicherheit.

Man sagt, wer auf der alten Donau den Segelschein macht, der kann überall segeln – wegen der dort ständig drehenden Windrichtungen. Das, glaube ich, müssen wir lernen, mit ständig drehenden Windrichtungen umzugehen, damit wir die Segel nicht in den Rechtswind drehen.

Musk/el Spiel

Leserbrief an ‚Die Presse‘

Sie titeln: ‚Elon Musk macht einfache Leute zu Millionären‘ und meinen dann, das zeige, dass Kapitalismus funktioniere und es solle doch mehr Musks geben. Wenn ein einfacher Leut‘ durch seine Musk-Aktien zum Millionär wird, sei ihm persönlich das vergönnt.

Soziologisch gesehen vergrößert es aber die Kluft zwischen Arm und Reich und das bedeutet eine erhöhte Gefährdung der Demokratie. Studien belegen, dass in Ländern mit hoher sozialer Ungleichheit die breite Bevölkerung unzufriedener ist, die soziale Stabilität vermindert und die Zustimmung für demokratische Institutionen deutlich gemindert ist. Hohe soziale Ungleichheit gefährdet die Demokratie  

Wenn Sie also Menschen wie Elon Musk in den Himmel loben, sprechen Sie sich damit indirekt gegen die Demokratie aus. Ist das wirklich Ihre Haltung? Ich kann es nicht glauben. Eine Relativierung wäre angebracht.