Katastrophe ja oder nein?

Am 09. Dezember 2025 versammelte sich, organisiert von der Initiative Klima 183, eine Gruppe von Menschen vor dem Parlament, um die 183 Abgeordneten an den 10. Jahrestag des Pariser Klimaabkommens zu erinnern. Ein denkwürdiges Abkommen, das 2015 beschlossen und von fast allen UN-Mitgliedsstaaten unterzeichnet wurde. Eine Aufbruchsstimmung ging durch das Land, durch die Welt. Wie lange haben wir uns nicht alle daran festgehalten, anfangs von diesem Durchbruch euphorisiert, wenn wir uns nur fest genug anstrengen, wenn wir, die Klimabewegung, uns genug engagieren, dann schaffen wir es, die Erderhitzung nicht über 1,5 Grad ansteigen zu lassen.

Dieses Ziel müssen wir heute loslassen, die Gründe sind allseits bekannt.

Eine der Redner:innen am 09. Dezember war Helga Kromp-Kolb, allen bekannt, eine Wissenschafterin, die sich seit Jahrzehnten unermüdlich für die Klimasache einsetzt. Sie zitiert in ihrer Rede Jem Bendell, einen Wissenschafter, der die Katastrophe für unvermeidlich hält und drei Fragen formuliert, auf die wir Antworten bräuchten, wenn wir in der Katastrophe möglichst lange, möglichst gut überleben wollen.

Wir müssen uns nicht entscheiden

Kromp-Kolb führt aus, egal, ob wir in der Katastrophe sind und uns dort zurechtfinden müssen oder ob wir versuchen, die Katastrophe zu verhindern, diese drei Fragen und auch die Antworten darauf gelten für beide Fälle: „Das Schöne daran ist, aus meiner Sicht, wir müssen dieselben Fragen beantworten, wenn wir die Katastrophe verhindern wollen, wenn wir noch ins ruhige Fahrwasser kommen wollen. Wir müssen interessanterweise dieselben Antworten geben. Die Antworten sind auch dieselben und das finde ich ganz toll, weil das heißt, wir müssen uns nicht entscheiden, ob es schon zu spät ist oder nicht.“ (zur Rede)

‚Wir müssen uns nicht entscheiden‚, später fügt sie noch hinzu: ‚Wir müssen nur das Richtige tun‚. Schön daran finde ich, es befreit uns vom Damoklesschwert des Versagens. Der Vorstellung und den Ängsten, wenn wir versagen, wenn wir die 1.5 (oder 2) Grad nicht schaffen, dann ist alles aus, dann kommt die Katastrophe, unsere Nachkommen finden keine lebenwerte Welt mehr vor, die Zivilisation wie wir sie kennen wäre Geschichte. Die Frage, ob das so sein wird oder nicht, falls wir mit all unseren Bemühungen versagt haben werden, stellt sich aus diesem Blickwinkel nicht mehr. ‚Wir müssen nur das Richtige tun.‘ Und das Richtige ist dasselbe, ob wir uns bereits in der Katastrophe befinden, oder versuchen, die Katastrophe zu verhindern.

Die seit einigen Jahren anwachsende Kollaps-Bewegung geht davon aus, dass die Systeme bereits begonnen haben, zu kollabieren, wir befänden uns mitten drin, Kollaps ist nicht Zukunft, Kollaps ist jetzt. Sie arbeiten daran, wie wir diese überwältigende Belastung stemmen, emotional, sozial und menschlich bewältigen können und konkret daran, was wir brauchen, um in dieser Situation solidarisch und friedlich zu kooperieren und in Gemeinsamkeit zu über/leben, wie wir uns Demokratie und Menschenrechte erhalten können. Auch dafür gelten im Grunde dieselben Fragen und Antworten.

Die Fragen

Frage 1: Was ist uns wirklich wichtig, was wollen wir unbedingt beibehalten.

Da drängt sich fast automatisch ein ganz aktuelles Anliegen in die Gedanken: Das Amerlinghaus. Das Amerlinghaus soll die Katastrophe verhindern? Natürlich nicht. Doch finden hier Gruppen aus unterschiedlichsten Milieus einen Rahmen vor, in dem sie ihren Platz in der Gesellschaft wahrnehmen und ihre Interessen und Aktivitäten einbringen können. Gerade in Zeiten andauernder Krisen bzw. in Zeiten einer Katastrophe, noch dazu in diesem Ausmaß, braucht es Bewegungen von unten. Und die entstehen und entwickeln sich leichter, wenn sie förderliche Strukturen wie das Amerlinghaus und ähnliche Einrichtungen vorfinden.

Frage 2: Was lassen wir los.

Auch ganz aktuell: Den Lobautunnel. Längst überkommene fossile Großprojekte wie die Lobauautobahn samt Tunnel und andere derartige Monster sollten wir loslassen. Im Ernstfall nutzen uns die paar Minuten, die wir schneller am Ziel wären, genau gar nichts. Die Milliarden wären weit besser in Gesundheit, Soziales und existentielle Absicherung investiert, was in Krisen- und Katastrophenzeiten allen Menschen zugute kommt. Um von der Doktrin immerwährenden Wachstums durch fossile Verschwendung Abstand zu nehmen, müssen wir letztlich auch unsere luxuriöse petromaskulin imperiale Lebensweise loslassen.

Frage 3: Was können wir (wieder) lernen (was wir schon einmal gekonnt haben oder von anderen Kulturen).

Gilt für Österreich, aber auch für andere Länder: Die Pressefreiheit! Im Presseindex von Reporter ohne Grenzen haben wir uns im Vergleich zum Vorjahr zwar leicht verbessert, sind aber seit 2015 nicht mehr in den Top Ten, aktuell Platz 22. Für eine funktionierende Demokratie ist Presse- und Medienfreiheit unabdingbar. Für die Bewältigung der Klimakatastrophe ist eine funktionierende Demokratie unabdingbar. Auch wenn die Freiheit von Presse und Medien bei uns noch relativ stabil zu sein scheint (im Index ‚zufriedenstellend‘) so ist sie doch gefährdet. Das zeigt sich aktuell z.B. darin, unabhängig denkende und kritische Journalist:innen wie Karim El-Gawhary mit fadenscheinigen Begründungen nicht weiter beschäftigen zu wollen (zur Petition). Wir könnten stattdessen wieder in die Top 10 kommen wollen. Jedenfalls sollten wir wachsam sein.

Nur drei lokale Beispiele, vieles gäbe es anzufügen, im Kleinen wie im Großen. Uns allen wünsche ich, dass wir auf die drei Fragen in den kommenden Jahren die passenden Antworten finden und sie auch umsetzen werden. Dann tun wir vielleicht das Richtige, um die Katastrophe, wenn schon nicht zu verhindern, zumindest abzumildern oder zu verkürzen bzw. in der Katastrophe möglichst lange möglichst gut zu über/leben. Gemeinsam und solidarisch, innerstaatlich und global.

‚Schlaflos in Rasumofsky …‘

Ohnmachtsgefühle breiten sich aus, die Wut wächst und raubt den Schlaf. Wohin damit, frag ich mich immer wieder und weiß keine Antwort. Manchmal geistern Gewaltphantasien durch meinen Kopf, nächtens, Antwort sind sie höchstens in der Phantasie und nichtmal da, weitergedacht schon gar keine Lösung, genau das Verkehrte. Apropos Verkehr: Auch da ist die Gewalt im Spiel, wird lebendiger Boden panzerfest zugeteert. Autos rollen drüber, mit Glück eine ‚Zeitersparnis von 15 Minuten‘. Zeit sei Geld … und verstopft den Tunnel im Gehirn der Macher.

Die zunehmende Gewalt in der Welt ist genau das, was mich ohnmächtig und wütend macht. Gewalt gegen Menschen, Gewalt gegen die Natur. En vogue geworden ist das Recht des Stärkeren.  

Als ein Seniors For Future schau ich vor allem auf’s Klima hin. Die Gewalt, die Menschen und Natur aktuell erdulden, Menschen als Täter und Opfer gleichermaßen, führt zielgenau in die Klimakatastrophe. Nicht nur der Kollaps von Klima und biologischer Vielfalt, auch der Kollaps von Gesellschaften steht vor der Tür, oder – fragt der Kasperl: Seid ihr alle da? Ja! schreien sie. Ja! Wir sind schon da! Hier und jetzt! Bloß – ihr wollt uns halt nicht sehen und nehmt uns nicht für voll und sobald ihr uns spürt, verdrängt ihr uns schnellstmöglich. Das lieben wir an euch, wir drei Kollapsen, dass ihr so gern verdrängt. Und damit nicht genug, ihr nährt uns noch mit eurem ÖL und Gas, mit Kohle und Faschismus. Gift für euch, für die Kollapsen ein Fest. Sie wuchern munter weiter.

Nicht alle frönen der Verdrängung, viele sind schon so betroffen, dass sie um’s blanke Überleben kämpfen müssen. Kopf über Wasser halten ist dort die Realdevise. Bei uns im gemütlichen Österreich, da denkt man lieber: Schau’n ma mal. So schlimm wird’s schon nicht werden, noch spüren wir nicht viel. Herr Ober!

Während wir hier die Melange genießen, sind Krieg und Not in Gaza kaum gebremst, Katastrophe im Sudan und Krieg in der Ukraine. „Demokratischer Faschismus“ wächst bereits in unseren Breiten aus jedem Riss im versiegelten Boden, faschistoide Gewalt und Gesinnung, die das gefühlt bei uns noch freie Leben bedroht. Mit der Ausbreitung von Wüstengebieten durch den Klimawandel wachsen politisch sozial/gesellschaftliche Wüsten gleich mit. Angst ist der Liebling der Herrscher, Kriegsangst wird geschürt, wie real auch immer, und mündet in panisch anmutende Aufrüstung. Tunnelblick, scheint nichts anderes zu geben oder geben zu wollen. Rüsten alle auf, rückt der Krieg näher. Friedensbewegung? Sollte laut sein, doch man hört sie kaum. Und neben alledem nimmt Klimanotstand seinen Lauf.

Noch einmal die Frage: Wie könnte ich da Antwort finden? Mit Blick auf so ein überwältigendes Geschehen hier und dort. Widerstand? Und wie?

Sparen müssen wir, sagen sie, und sagen gleich dazu, wo sie es am besten finden: Gespart wird im Sozialbereich, bei Gesundheit und Bildung, Mindest(!)sicherung, Pflege und Suchthilfe, bei den kleinen Kulturbetrieben, der freien Szene, Bürger:innen-Projekten, den Öffis … hier in Wien und anderswo. Gespart wird bei den Ärmeren, die Reichen einfach so gelassen. Im Gegenteil, wenige Vermögen steigen ins Unermessliche, während viele jeden Cent umdrehen, bangen um die Existenz. Die wachsende Kluft sprengt den Zusammenhalt und befeuert den Gesellschaftskollaps. Drohender Abstieg, Armut machen Angst. Zahl ich Miete oder kauf ich was zu essen? Widerstand? Und wann? Wo ist der Kotzkübel.

Schlaflos in Rasumofsky, Gedanken lärmen durch den Kopf. Zumindest macht es Sinn zu demonstrieren, offene Briefe zu schreiben, Mails an die Politiker:innen, Petitionen unterschreiben, Kundgebungen auf der Straße, Gespräche führen, Wissen vermitteln, auf die Menschen zugehen und versuchen, sie abzuholen wo sie sind, samt ihren Emotionen, … . Und trotz alledem? So eine Überraschung, dass die letzte COP nicht viel gebracht hat. Das Kleingedruckte müsse man lesen, weiß die Expertin im ORF, dann sei es nicht so schlimm. Nur: Klimanotstand schreibt sich groß.

So viele Projekte und Initiativen hier bei uns und anderswo, für anders leben, frei gemeinsam leben, in und mit Natur. Solidarität mit ihr und Menschen, Gruppen und Völkern – mag unsere ‚Zärtlichkeit‘ sein. Mit Hoffnung und Humor

Lass uns reden #5

„Wenn’s die Dänen können, können’s wir wohl auch.“
„Nicht, solange die Regierung die Sache nicht ernst nimmt. Mit individuellem Schnitzelverzicht und ein bissl rumreden kommst du da nämlich nicht weiter und wenn du noch so fest mit dem Fuß aufstampfst. Da braucht es schon einen massiven Handabdruck, um …“
„Handabdruck? Was ist denn das schon wieder.“
„Heißt einfach, dass du Aktionen setzt, die nicht nur dein eigenes Verhalten betreffen, sondern darüber hinaus etwas bewirken sollen, Freundeskreis, Verein, Gemeinde, Politik und so weiter. “
„Versteh. Aber dann wäre das, also wenn wir so drüber reden, auch ein Handabdruck. Zumindest wenn ich nicht ständig nur dagegen red‘ und ein bisschen Veränderungs-Bereitschaft zeigen würde.“
„Könnte man so sagen, ja. Apropos, wie steht’s um deinen Beschluss, mehr Fleisch zu essen?“
„Mehr??“
„War ein Witz.“
„Du glaubst mir das nicht, weiß ich eh, aber ich bemüh mich wirklich. Jedenfalls kauf ich weniger Wurstwaren und ess‘ nur noch 2 oder 3 Mal die Woche Fleisch.“
„2 oder 3 Mal, naja. Die Rinder rülpsen und furzen uns die Atmosphäre voll und aus der Schweinescheiße entweicht dank einiger fleißiger Mikroben Methan und Lachgas.“
„Jetzt mach ich endlich was und du meckerst wieder nur. Fair ist das nicht.“
„Unfair ist, wenn die wohlhabenderen Menschen immer mehr Fleisch verzehren, wodurch sie den Klimawandel antreiben, den die ärmeren Menschen besonders stark zu spüren bekommen, obwohl sie viel weniger dazu beitragen. Ist das fair?“
„Schon gut.“

„Aber ich wollt‘ eigentlich was anderes sagen. Weil du gemeint hast, unser Reden hier, sei ein Handabdruck. Stimmt schon irgendwie, bloß für einen Beschluss zur Einführung einer CO2-Steuer in der Landwirtschaft zum Beispiel, wie in Dänemark, da braucht es schon mehr.“
„Eine Besteuerung der Kuhfürze? Ich seh das Problem eher in der Gier der Schwellenländer. Die wachsen so schnell und wollen halt auch das Luxusleben führen, das wir ihnen jahrzehntelang vor die Nase gehalten haben. Zum Beispiel Fleisch essen wann und wo und wie oft und wie viel sie wollen. Ist ja auch irgendwie verständlich.“
„Schon, nur werden inzwischen mehr als 1.5 Milliarden Rinder und knapp 1 Milliarde Schweine gehalten. Stell dir mal diese Menge an Gasen vor.“
„In meinem Hinterhof möchte‘ ich es nicht haben. Aber wie haben die das geschafft, die Dänen, ohne dass die Bauern mit ihren Mega-Traktoren das Regierungsgebäude plattgewalzt haben?“


„Ganz einfach. Sie haben mit den Leuten geredet.“
„Geredet? Haben wir doch auch. Sage nur Klimarat.“
„Genau. Und noch vor dem Ende der letzten Sitzung hat die ÖVP verlauten lassen, was ihr sagt’s ist uns scheißegal. Der ÖVP-Klimaschutzsprecher hat die Einsetzung des Klimarats selbst mitbeschlossen und ließ kurz vor Schluss in den Medien verlauten, er halte den Klimarat für absolut untauglich und die Ergebnisse hätten für ihn keine Relevanz. Meinst du das damit, mit den Leuten reden?“
„Kann mich eh erinnern. Da haben sich aber auch viele darüber aufgeregt.“
„Aufgeregt, ja. Hat uns halt wiedermal ganz deutlich die eigentliche Haltung vor Augen geführt. Die begegnen den Bürgerinnen und Bürgern nicht mit Respekt und auf Augenhöhe. Sie …“
„Ge, aber wer tut denn das schon von den anderen Parteien, die sind doch alle gleich.“
„Die Dänen zum Beispiel haben einen anderen Weg versucht. Die haben in einem zweijährigen Prozess mit allen betroffenen Bürger:innen und Interessensgruppen geredet.
„Klingt mir ein wenig simpel.“

„Natürlich gab’s auch Widerstand, die Agrarindustrie hat versucht, zu verhindern, es gab Bauernproteste.  Aber das Klimagesetz hatte die Zustimmung von 8 von 10 im Parlament vertretenen Parteien, das sind 95%. Das erreichst du nur mit reden, reden, reden. Und auf dieser Basis konnte dann die Einführung der CO2 Steuer ab 2030 für die Landwirtschaft beschlossen werden – weil mit allen betroffenen Personen, Institutionen, Unternehmen, Interessensvertretungen etc. geredet wurde. Auf Augenhöhe. In einem zweijährigen Prozess.“

„Die Zeit haben wir nicht.“
„Demokratie braucht Zeit, und die müssen wir uns nehmen. Nur so kommen wir zu Beschlüssen, die dann auch wirklich halten.“
„Hast du unseren ‚Klima‘-Minister im Interview gehört? Da scheint mir so ein Prozess eher wie ein frommer Weihnachtswunsch, aber nichts, das sich umsetzen lässt. Reden mit Bürger:innen – keine Spur.“
„Weißt du wie die Debatte zum Klimagesetz in Dänemark entstanden ist? Durch eine Bürgerinitiative, eine Petition. 50.000 Unterschriften, es musste im Parlament verhandelt werden. So hat das angefangen.“

„Bürgerinitiative. Der Klimarat war zwar keine Bürger:innen-Initiative, weil vom Ministerium in Auftrag gegeben, aber doch eine Sache, wo Bürger:innen die Gelegenheit bekamen, mitzureden. Hätte man gedacht, dann ist es anders gekommen. Sie wurden igrnoriert, nichts wurde umgesetzt. Jetzt hat SEIN Ministerium einen Entwurf erstellt, worüber dann im Herbst mit den Koalitions-Parteien geredet werden soll, einen Klimafahrplan wollen sie machen, eine ministerielle Steuerungsgruppe, … viel heiße Luft. Mit Bürger:innen reden? Auf Augenhöhe? Nö.“
„Unglaublich, ja. Inhaltlich hat er genau nichts gesagt. Demokratieverständnis, Klimabewusstsein null. Einbindung von Bürger:innen in demokratische Prozesse wird nicht einmal angedacht.“
„Er bedient seine Klientel, so lauft das halt.“
„In Autokratien.“
„Auch bei uns. Und jetzt? Zuschauen wie der Klimaschutz den Bach runtergeht? Ihm war ja schon das Wort Klimaschutz zuviel. Jetzt heißt es Klimagesetz. Mit dieser Regierung ist kein Klimaschutz zu machen, das heißt vier verlorene Jahre. Bei dem rasanten Fortschreiten der Klimakatastrophe ein Wahnsinn und absolut unverantwortlich.“
„Ist es. Ja. Doch auch bei uns gibt es eine Zivilgesellschaft. Die muss jetzt mal einen kräftigen Handabdruck hinterlassen und die Regierung zum Umdenken bewegen.“
„Und wie willst du das machen?“
„Weiß ich noch nicht. Aber es scheint mir der einzige Weg zu sein. Wir müssen uns zusammentun.“

Der Lobautunnel ist immer noch nicht Geschichte, wenn es auch derzeit so ausschaut, dass er eher nicht gebaut wird: „Wien (OTS) – Die Umweltorganisation VIRUS begrüßt, dass der nun ressortzuständige Bundesminister Peter Hanke sich beim umstrittenen Lobautunnelprojekt Zeit nehmen will, sich ein klares Lagebild zu verschaffen. Sprecher Wolfgang Rehm: „Das ist sicher besser als Schnellschüsse und sollte dabei jedenfalls nicht vergessen werden, dass nicht auf ein Politikerwort die Bagger rollen können, sondern es Genehmigungen braucht, die großteils fehlen. Dafür hat aber das Bundesverwaltungsgericht (BVwG) erst vor kurzem den Europäischen Gerichtshof (EuGH) um Vorabentscheidung ersucht“. (OTS Aussendung vom 27.03.2025, Virus zu Lobautunnel)

Alles zur Lobau und rund um Autobahn und Tunnel: Bürgerinitiative Rettet die Lobau
pro und contra: Parlamentskorrespondenz Nr. 200 vom 26.03.2025

Lass und reden #4 – sprachlos

„Hey, hast dich aber lang nicht gemeldet“
„Wusste nicht, was ich sagen soll.“
„Wie meinst du?“
„Ich war sprachlos. Sprachlos über das, was derzeit so abgeht in der Welt. Einfach unglaublich, dass so etwas überhaupt möglich ist. Wie konnten wir nur so weit kommen.“
„Unglaublich, ja.“

„König Ubu, wie ihn Latour treffend nennt, ist schließlich nicht irgendwer, sondern Präsident der größten Wirtschaftsmacht. Was er tut hat Auswirkungen auf die ganze Welt, auf uns alle.“
„Sind eh alle in Aufruhr, die Börse rasselt, die Regierungen reagieren erstmal in ihrem Habitus, hart oder zögerlich. Man weiß einfach nicht, wie man auf vernünftige Art und Weise reagieren soll. Auf den ersten Blick scheint es ja alles völlig daneben. Aber… vielleicht ist es einfach der Endsieg des Neoliberalismus.“

„Der Endsieg des Neoliberalismus?“

„Ja, er hat sich doch in den letzten Jahrzehnten in sämtlichen Lebens- und Berufsfeldern breit gemacht, öffentliche Leistungen von innen heraus und durch Druck von außen ökonomisiert oder ausgeschalten, NGOs und Gewerkschaften aufgemischt und sich bis in die persönlichen Beziehungen hineingeschlichen. Und jetzt übernimmt er offiziell und unverfroren die Weltherrschaft.“
„Aber das ist doch nicht neoliberal. Ist doch eine Minus-Globalisierung.“
„Nein? Was denn sonst? Einem von einem Angriffskrieg geknechteten Land presst er die Rohstoffe ab. Land egal, Staat egal, Menschen egal, Leiden und Sterben egal, es geht um den Profit. Ohne Rücksicht auf irgendwas oder irgendwen. „
„Ja, das ist schon unglaublich.“
„Leise und unbemerkt, aus den Hinterzimmern heraus, hat es ab Mitte der 1970er Jahre schon angefangen. Jetzt liegt alles offen da, mit der ganzen Wucht unfassbarer Brutalität, eine klaffende Wunde in der Welt.“

„Ich fühl mich oft emotional überfordert.“

„Von diesen vielen Geschehnissen und der Schnelligkeit mit der das vor sich geht. Ist ja nicht nur King Ubu. Der Völkermord im Gazastreifen ist unerträglich. Und die Welt schaut zu. Die von Kriegen begleitete neokoloniale Ausbeutung Afrikas. Die Regionen im globalen Süden, die am intensivsten von der Klimakatastrophe betroffen sind, obwohl sie am wenigsten dazu beigetragen haben, Land und Menschen ausgebeutet, von ein paar profitgeilen Konzernen. Überall auf der Welt gibt es Krisenherde. Krieg streckt seine Fühler aus und kündigt sich an, wo er nicht schon herrscht. Die Klimakatastrophe heizt zusätzlich an. „
„Ich weiß nicht. Ich glaub da immer noch dran, dass die Menschen letztlich vernünftig werden, bevor sie sich selbst vernichten.“
„Letztlich vernünftig – das ist ein schöner Gedanke. Aktuell gehen wir aber einer mühsam erworbenen Zivilisation, die sich an Menschenrechten, Demokratie und Solidarität orientiert, verlustig. Von der Politik, so scheint es jedenfalls, braucht man sich nichts erwarten. Wenn, dann kommt der Wandel von unten. Die Zivilgesellschaft wäre gefragt.“

„Jetzt fängst du aber nicht wieder an mit ’system change‘.“

„In den letzten Wochen hat sich doch an den Vorgängen der Börsen klar gezeigt, dieses System ist falsch. Wie man es dreht und wendet, dieses Finanzmarktsystem ist falsch. Es ist eines der Grundübel auf dem die giftigen Charaktere wachsen. An der Börse gibt es nämlich nur einen einzigen Wert, der zählt: Geld. Alles andere ist ausgeblendet. Du musst denken, es ist ein Glücksspiel. Ein Glücksspiel mit Unsummen Geld, das die meiste Zeit nur virtuell ist. Real sind aber die Folgen. Steigen durch Börsenspekulationen die Preise für Reis und Weizen, hungern und verhungern reale Menschen. Solche Folgen sind ausgeblendet. Börsianer leben in einer eigenen Welt, in der die Supralogik Gewinnmaximierung lautet.“
„Schon, aber hat der Kapitalismus nicht auch viel Wohlstand in die Welt gebracht? Vor allem für die Industrieländer, sicher. Aber zeitweise waren immerhin auch Armut und Hunger weltweit reduziert.“
„Wieder so ein schöner Gedanke. Doch der Verlauf ist eindeutig: Die Schere zwischen arm und reich geht immer weiter auseinander und erreicht Dimensionen, von denen der Sonnenkönig nur hätte träumen können. Wenige häufen unheimlichen Reichtum an und viele leben in Armut. Ergebnis und Grundlage des neoliberalen Kapitalismus. Und aktuell haben wir zudem eine nicht unbekannte Entwicklung. Autoritäre bis rechtsextreme Systeme verbünden sich mit dem Großkapital. Das kann im wahrsten Sinn des Wortes tödlich sein.“
„Unzulässiger Vergleich.“
„Kein Vergleich, sondern Tatsache. Traurige Tatsache.“

„Und jetzt?“
„Ja und jetzt. Die Ereignisse verzwirbeln den Kopf und fressen an der Seele. An manchen Tagen bin ich 5 verschiedene. Aber bin ich ohnmächtig? Nein.“