Offener Brief an Journalist:innen des Standard

Sehr geehrter Herr Schmid, sehr geehrte Frau Mittelstaedt.

Ich hätte ein paar Fragen bezüglich Ihres Beitrags ‚Lena Schillings EU-Kandidatur gerät in Turbulenzen‘: Zunächst betonen Sie, sie hätten sehr lange und gründlich recherchiert, absolut löblich. Doch wie ergibt es sich, dass die Recherchen gerade jetzt beendet sind und die Veröffentlichung genau auf den Tag der Wahlkampferöffnung von Lena Schilling fällt? Ein Schelm, wer denkt, das sei ein Zufall. Frage: Warum und wozu?

Abgesehen von der Unterlassungsklage (s.u.) gibt es nur Behauptungen, Vermutungen, etc., alles anonym. Sie beschäftigen sich mit der Person Schilling, mit ihrer charakterlichen Unredlichkeit. Erstaunlich, dass es nicht um politische Inhalte geht, um die es eigentlich gehen sollte, in einem Wahlkampf. Zumindest in einer Qualitätszeitung wie DerStandard. Lese ich solches in der Bild-Zeitung, blättere ich einfach weiter. Ihnen hingegen schreibe ich eine gewisse politisch-gesellschaftliche Verantwortung zu, die sie, so finde ich, nicht einfach so über Bord werfen sollten. Schon gar nicht ganzseitig auf der rechten Seite.

Nie hätte man so Privates von älteren männlichen Politikern ans Licht gezerrt, noch dazu ohne irgendwelchen Nachweis, obwohl es da genügend und ungleich Schwerwiegenderes gegeben hätte. ‚Ein problematisches Verhältnis zur Wahrheit‘, wirft man ihr vor, ohne irgendeinen konkreten Sachverhalt (zur Unterlassungsklage s.u.). Ein problematisches Verhältnis zur Wahrheit hatten, wie inzwischen nachgewiesen, viele Politiker und das nicht im Privatbereich, sondern in der Politik. Weiterer Vorwurf: ‚Nicht korrektes Verhalten im Privatbereich‘. Echt jetzt?

Bisher gab es eine Übereinkunft bezüglich des Schutzes der Privatsphäre. Gilt das für junge Frauen nicht? Bei einer jungen Frau, die noch dazu neu in der Politik ist, da traut man sich? Oder hat man es etwa genau darauf abgesehen? Fossile Lobbyisten in Brüssel reiben sich jedenfalls die Hände. Sie haben nichts Konkretes, nur Behauptungen, Anschuldigungen, etc. ohne Nachweis. Nichtsdestotrotz brandmarken Sie damit Lena Schilling als moralisch verwerfliche Frau. Zuerst die strahlende Klimaaktivistin, jetzt die gefallene Spitzenkandidatin, Sie bemühen sich noch zu fragen, warum ist denn nicht früher schon jemand draufgekommen. Vermutlich hat keiner so lange recherchiert.

Eine junge Frau öffentlich in so ein Licht zu stellen evoziert assoziativ archaische Frauenbilder. Die Heilige oder die Hure. Auch falls es Ihnen nicht bewusst ist, aber mit solchen Metaphern operieren Sie. Und auch nur ein angedeutetes Framing in dieser Richtung genügt, um eine Frau zu desavouieren. Dass Frau Lena Schilling eine engagierte Politikerin ist, mit Zielen und Inhalten – davon ist keine Rede. Nur vom persönlichen Verhalten und das völlig verzerrt und einseitig. Bei allen Anschuldigungen wird wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass Lena Schilling die Schuldige ist, dass Sie diejenige ist, die die Unwahrheit sagt. Ohne Beleg irgendwelcher Fakten. Haben Sie eigentlich auch Lena Schilling selbst befragt, was sie zu den Vorwürfen sagt, und ihr die Gelegenheit gegeben, die Dinge aus ihrer Sicht darzustellen?

Im Podcast Thema des Tages sagen Sie, es hätte zuerst so ausgesehen, als ob Herr Stammler eine fremde, ihm nicht bekannte Frau begrapscht hätte. Doch habe sich dann herausgestellt, dass es sich um Lena Schilling gehandelt habe und die beiden sich schon länger kannten. Als ob das einen Unterschied macht. Oder ist aus Ihrer Sicht sexuelle Belästigung in Ordnung, wenn die Beteiligten einander bekannt sind? Und automatisch wird der jungen Frau unterstellt, sie sage nicht die Wahrheit. Unglaublich. Haben Sie Lena Schilling dazu befragt?

Mit Journalismus hat das jedenfalls nichts zu tun (Zeitungen wie Bild, Österreich etc. fallen für mich nicht unter Journalismus.) Und die hehren moralisch/gesellschaftlichen Motive, die sie im Podcast so benennen, kauf ich Ihnen ehrlich gesagt nicht ab. Dazu wirkt das Ganze viel zu gezielt auf den Tag genau hingetrimmt. Frage: Warum und wozu? Was sind Ihre Ziele? Was sind die Hintergründe?

Sie sagen, sie hätten recherchiert, ob es sich bei den (diffusen) Anschuldigungen nicht um eine Kampagne gegen Lena Schilling handle und seien zu dem Schluss gekommen, so ist es nicht. Frage: Warum eröffnen Sie dann selbst eine Kampagne, unter dem Deckmantel des moralisch verantwortlichen Journalismus? Anders kann man es kaum bezeichnen, der Beitrag besteht einzig und allein aus persönlichen Anwürfen.

Auch zur Unterlassungsklage wäre einiges zu sagen, nur kurz. Wie ich aus meiner beruflichen Praxis weiß, gibt es unzählige Fälle, in denen eine Frau den eigenen Mann wegen Gewaltanwendung klagt, und dann wieder zurückzieht, aus Angst oder anderen Gründen. Durchaus naheliegend, dass auch hier ähnliche Mechanismen im Spiel waren. Der richterliche Entscheid allein sagt nichts (!) darüber aus, was wirklich geschehen ist. Was hier wahr ist oder nicht, wisse Sie nicht und die Richter nicht, sondern einzig und allein die Beteiligten. Sie aber suggerieren, Lena Schilling sei der Intrige schuldig und habe Unwahres behauptet. Das ist durch die Unterlassungsklage keinesfalls bewiesen.

In Deutschland häufen sich verbale und körperliche Attacken gegen Politiker:innen. Ihr Beitrag ließe sich gut in diese Kategorie einordnen, inhaltlich ist es nunmal nicht mehr als die Schmähschrift gegen eine Politikerin, eine mediale Attacke, bar jeglicher Inhalte. In übertragenem Sinn könnte man es auch als ‚bespucken‘ bezeichnen. 

Vieles wäre noch zu sagen, doch setze ich hier einen Punkt.

Ich lese den Standard seit es ihn gibt, doch diese journalistische Entgleisung finde ich wirklich empörend und ich hoffe sehr, dass es sich um eine einmalige Entgleisung handelt und nicht um einen neuen Trend der Blattlinie. Eine Antwort auf meine Fragen würde mich freuen und mir helfen, den Beitrag selbst in der Sache und die Zeitung in der Medienlandschaft besser einzuordnen.

Mit empörten Grüßen
Stephan Burgstaller

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