Wenn von ‚Normaldenkenden‘ gesprochen wird, heißt das automatisch, dass es auf der anderen Seite ‚Nicht-normaldenkende‘ gibt. Bei der Aussage von Mikl-Leitner, sie habe nie von ‚normal‘ und ‚abnormal‘ gesprochen, das politische Gegenteil von ‚normal‘ sei ‚radikal‘, handelt es sich um bloße Vernebelung der Begriffe. Was bleibt ist die spaltende Wirkung in wir und die anderen.
Die Normaldenkenden definiert sie in einem Gastkommentar in ‚Die Presse‘ vom 19.06.2023 so: Sie sind rücksichtsvoll, nächstenliebend und hilfsbereit, fleißig, vernünftig und sie sind sogar nett zu ihren Feinden. Das alles in einer Sprache ohne Gendersternchen. Mit einem Wort: gut. WIR, das sind immer die Guten. Die anderen sind dann das jeweilige Gegenteil und das Gegenteil von gut ist nunmal böse. Und weiter: „Die normaldenkenden Menschen, das sind diejenigen, die in der Früh aufstehen und zur Arbeit wollen, und nicht diejenigen, die sie dabei rücksichtslos behindern, indem sie sich an die Straße kleben“ (ebd.)
Immerhin gibt es zwischen Gut und Böse eine Gemeinsamkeit: Beide stehen früh auf. Doch die einen wollen zur Arbeit, was impliziert, dass die anderen nicht arbeiten wollen, also faul sind. Kommt noch dazu: Rücksichtslos behindern sie die rücksichtsvollen und fleißigen Menschen am Autofahren.
Ob es rücksichtsloser ist, sich für den Erhalt einer lebenswerten Welt einzusetzen, oder autozufahren sei dahingestellt. Zum Stau nur so viel: Auslöser für Staus gibt es viele. Ursache für den Stau nur eine: Die Unmenge von Individual-PKWs, die täglich zur selben Zeit die Straßen fluten.
Rücksichtslos ist noch nett
‚Rücksichtslos‘ ist noch eines der netteren Worte, die Frau Mikl-Leitner, der Bundeskanzler und deren Gesinnungs-Kamerad:innen verwenden. Hässlich wird es, wenn sie Klima-Aktivist:innen in eine Reihe mit Rechtsradikalen, Identitären, religiös-ideologischen Terroristen u.a. stellen. Und nicht nur hässlich, sondern auch verantwortungslos. Eine Verantwortungslosigkeit, die nicht nur den Umgang mit engagierten Bürger:innen betrifft, sonder auch den Umgang mit Klimaproblemen selbst. Klimaschutzmaßnahmen werden blockiert, während immer noch Milliarden in die Förderung fossiler Energien fließen. Ein Vorgehen, das man fast radikal nennen könnte, wenn man bedenkt, dass es uns jeden Tag ein Stück näher an in die Katastrophe heranführt.
In Mikl-Leitners Kategorien gedacht, sind Klima-Aktivist:innen (auch der Letzten Generation) nicht rücksichtslos, sondern rücksichtsvoll und nächstenliebend, weil sie sich für Wohlergehen und Lebensqualität aller Menschen einsetzen, sie sind fleißig, weil sie in ihrem Engagement unermüdlich sind und sie sind vernünftig, weil es eben vernünftig ist, bei allem Wissen und der Faktenlage zur Erderhitzung, sich für schnelles und effizientes Handeln einzusetzen.
Und die christliche Feindesliebe, die Mikl-Leitner in ihrem Kommentar assoziiert, liegt wohl wenn, dann bei den Aktivist:innen, die stets gewaltfrei und wertschätzend handeln, selbst gegenüber aggressiven Autofahrern (no*), die sie körperlich attackieren, treten und (wie vor kurzem) sogar mit einem LKW anfahren. Dass es zu solchen Szenen kommt, liegt auch an einer spaltenden und verantwortungslosen Politik.
Verantwortungsvolles Handeln ist not-wendig
Verantwortungsvoll wäre, konkrete Maßnahmen wie Tempo 100/80/30 umzusetzen und keine neuen Öl- und Gasbohrungen/Geschäfte zu genehmigen. Verantwortungsvoll wäre, ein längst überfälliges Klimaschutzgesetz zu beschließen und die 93 Empfehlungen des von der Politik selbst eingesetzten Österreichischen Klimarats ernst zu nehmen und so rasch wie möglich umzusetzen.
Verantwortungslos ist es, Menschen, die sich für effizientes Handeln gegen die katastrophale Erderhitzung engagieren, zu kriminalisieren, sie auf eine Stufe mit Terrorismus zu stellen und höhere Strafen zu fordern. Dafür, dass sie sich gewaltfrei für ein gutes Leben für alle einsetzen! Was ist das für eine Welt?!
Bleibt die Hoffnung, dass sich die Politik besinnt, zu Vernunft und Verantwortung zurückfindet und zu ihrer Aufgabe, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Klimaschutz-Maßnahmen und nachhaltige Lebensweisen fördern. Wenn sie das nicht bald tut, liegt es an UNS, der Zivilgesellschaft, die Politik in die Verantwortung zu nehmen. Gewaltlos, bestimmt, eindeutig und nachdrücklich.