Liebes Corona-Tage-Buch!

Corona-Wien, 27.3.2020

Heute um 18.00 Uhr im zweiten Bezirk: Ich stehe auf einer autofreien Kreuzung.
An sich etwas, das ich genießen kann. Heute hat diese Ruhe aber auch etwas Gespenstisches.
Ich warte, schaue in alle vier Straßenzüge, die Häuserfronten hinauf, zu den Fenstern.
Ich warte, ich drehe mich.
Endlich, etwa 100 Meter von mir, öffnet sich ein Fenster, ein junger Mann schaut heraus, beginnt zu klatschen.
Ich klatsche mit, will ihn unterstützen, will uns alle unterstützen. Ich klatsche laut, vielleicht will ich die große Stille, die über allem liegt wie eine Decke, mit gemeinsamer Lautstärke kurz auflösen, die Gemeinsamkeit, die mir fehlt, wieder spüren.
Ein bisschen Euphorie kommt auf.
Dann ist es vorbei.
Viele Spaziergänger*innen kommen mir entgegen, sie waren im Prater und haben den sonnigen Nachmittag genossen.
Einige schauen befremdet, viele ignorieren mich, eine entgegenkommende Frau klatscht leise in ihre behandschuhten Hände. Wir lächeln uns kurz an.

Vorgestern, auch um 18.00 Uhr, auf einer Kreuzung im dritten Bezirk:
Nacheinander öffnen sich mehrere Fenster, Applaus ertönt und schaukelt sich hoch, Leute lachen sich über die Straße hinweg an, ebenso auf der Straße, wo mehrere Menschen mitmachen.
Eine Minute der gefühlten Gemeinsamkeit.

Sind die Leute im dritten Bezirk sozialer als die Bewohner*innen des zweiten? 😉

Oder sind sie nur weniger leicht zu manipulieren?

Am späteren Abend bin ich ein bisschen ins Denken abgerutscht.
(Was kann man in diesen kontaktbefreiten Tagen auch sonst un?)

Machen wir uns mit dem Applaus für diejenigen Berufsgruppen, die derzeit die Infrastruktur aufrechterhalten (Pflegepersonal, Ärzt*innen, Supermarktbeschäftigte, Logistik, Apotheker*innen, Polizei, Rettung, Zivildiener, Freiwillige etc.) etwa zu Kompliz*innen jener Politik, die den Ausbau der Infrastruktur jahrzehntelang verweigert oder verzögert hat, die alle möglichen Bereiche der Gesellschaft parteiübergreifend kaputtgespart hat und die jetzt immer noch eine faire Bezahlung ebendieser lebensnotwenigen Berufssparten verhindert?

Wie sagen sie es so schön der Heute-Show vom 27.3 März, getarnt als Information der deutschen Bundesregierung: „Mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen […..] wären gut, aber noch besser ist es, wenn Sie, liebe Mitbürger, sich abends auf ihre Balkon stellen und klatschen. Welche Währung ist schöner als Applaus? [… Deshalb gibt es jetzt neue Balkone …] – Wir retten unser Gesundheitswesen mit mehr Balkonen! – Gern geschehen, Ihre Bundesregierung.“

Ich schreibe es der Politik auf die Merkliste für die Zeit nach Peak-Corona:
Jetzt ist ausgeklatscht, jetzt wollen wir faire Bedingungen für Pfleger*innen, Betreuer*innen, Fahrer*innen, Lehrer*innen, Kassierer*innen und all die vielen anderen, die die wirklichen wichtigen Dienste für unser Gemeinwohl leisten. Unsere wahren Leistungsträger*innen.

Martin

Ein Gedanke zu „Liebes Corona-Tage-Buch!

  1. Frühstücksschock

    Heute beim beginn meiner morgendlichen Ritualen ,
    aufstehen, mich an die Kante meines Hochbettes setzen um auf die Welt herunterzublicken,
    aufs klo gehen, realisieren das Sonntag ist und Kurier und Kronenzeitung zu entwenden wären…

    Automatisch wir auch des Vier-eckate Kästchen zum laufen gebracht,
    man will ja nicht versäumen wie sich auch die Welt reckt und streckt…

    da geschah aufeinmal seltsames….

    Ein Sprecher des Österreichischen Rundfunk (wem es aufgefallen ist, ich hasse abkürzungen)
    erwähnt so beiläufig in einem circa 1 minütigen Beitrag ,das durch schwere Regenfälle und Überschwemmungen 140 Menschen ums Leben kamen.

    War das in Österreich? Wohl kaum…

    Als er diese Nachricht verlas, konnte ich in seinem Gesicht keine Regung wahrnehmen (gut das ist bei Fernsehsprecher wohl auch normal) doch eine Sekunde später zeigt er einen Anflug von süfisantem Lächeln, als er einen Kulturbeitrag anmoderiert.(Wahrscheinlich hat er vor Dienstbeginn auch den Funke -Media-Gruppe-Konzern geschädigt, auch bekannt als WAZ Konzern)

    Als Zusatzinformation bei dem beiläufigen tot von 140 Seelen, bekam man die Nachricht das der
    Janktsekiank Dreischluchtenstaudamm derzeit noch hält…

    Vielleicht ist das Frühstück für einige Menschen in China heute doch etwas schwer verdaulich…

    Mir blieb das imaginäre Kipferl doch kurze Zeit im Hals stecken..

    Schönen Sonntag meine Lieben

    peter

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