Corona-Wien, 27.3.2020
Heute um 18.00 Uhr im zweiten Bezirk: Ich stehe auf einer autofreien Kreuzung.
An sich etwas, das ich genießen kann. Heute hat diese Ruhe aber auch etwas Gespenstisches.
Ich warte, schaue in alle vier Straßenzüge, die Häuserfronten hinauf, zu den Fenstern.
Ich warte, ich drehe mich.
Endlich, etwa 100 Meter von mir, öffnet sich ein Fenster, ein junger Mann schaut heraus, beginnt zu klatschen.
Ich klatsche mit, will ihn unterstützen, will uns alle unterstützen. Ich klatsche laut, vielleicht will ich die große Stille, die über allem liegt wie eine Decke, mit „Liebes Corona-Tage-Buch!“ weiterlesen
Kreativ sind wir schon
Abgesehen von den unwirtlichen Folgen zeigt sich aber auch Positives. Nachbarschaftshilfe wird angeboten, einfach so. In den Straßen ist es ruhig, als ob jeden Tag Sonntag wäre. Smoggebiete sollen seit langem wieder klarere Luft haben. Unsere hektische Lebensart entschleunigt sich, es wird mehr gelesen. Und: Viele werden kreativ. Allein und miteinander, zumindest virtuell.
Ob Fotos oder GIFs, Lieder, Videos oder Texte, vielleicht wird auch nur verstärkt herumgeschickt und die clips ‚gehen schneller viral‘. Doch gibt es da im Nezt echt humorvolle Beiträge. Zumindest in der virtuellen Kommunikation haben sich auch Räume geöffnet. Der körperliche Abstand führt gleichzeitig zu mehr seelisch sozialer Nähe, Gemeinsamkeit wird spürbarer, ein WIR gestärkt. Und das WIR wird diesmal nicht durch einen Feind oder ein Feind-Bild erzeugt. Keine Minderheit, kein fremdes Volk, keine Randgruppen müssen darunter leiden – nur das Virus.
Stephan
Ausnahmezustand
Zwei Wochen dauern nun die Verordnungen zur Eindämmung der Covid-19 Pandemie in Österreich und ich kann es immer noch nicht wirklich einordnen. Die vorhandenen Kategorien passennicht, es gibt keine Vergleichsmöglichkeit.
Soll ich mich fürchten, das Daheimsein genießen, einfach warten, bis es vorbei geht …? Keine Ahnung. Was aber offensichtlich wurde: Unsere wohlhabende Lebensweise ist nicht so sicher wie wir gedacht haben, sie ist verletzbar. Wir haben dahingelebt als ob es immer so weitergehen würde, trotz Klima- und Umweltkrise, trotz der Kriege, trotz einer sozialen Ungleichtheit, ähnlich den Zeiten des Sonnenköngs. Irgendwie würde es schon gehen. Es geht uns ja eh ganz gut.
In diese selbstgenügsame Lebensweise reißt die Covid-19 Pandemie eine offene Wunde, von der wir noch nicht wissen, wie wir sie behandeln sollen. Für die Zeit nach der Akutbehandlung ist aber eines klar: Es werden Narben zurückbleiben, die weniger mit Medizin als mit Gesellschaft, Weltsicht, Demokratie und sozialem Miteinander zu tun haben werden.
Stephan