Kirchenkanzel und Kanzleramt – eine maligne Verbindung

Kaum ist die Aufregung über die leidige Affäre der Gebetsstunde im Parlament verflogen, da legt schon einer nach. Der Dompfarrer zu St. Stephan predigt die Impfung und infantilisiert die Impfgegner: „Da kommt’s mir fast vor, dass man mit kleinen Kindern reden muss“. Ein Bericht dazu findet sich auf der Website des ORF, im Sinne objektiver Berichterstattung ganz ohne Kritik. Subjektiv sind nur die ausgewählten Ausschnitte, und dass es die Meldung an die prominenteste Stelle der ORF Website geschafft hat.

Das Eine ist das wiederholte Zusammentun von Kirche und Staat, fast eine Art türkis-katholische Koalition, die in der heutigen Zeit leicht anachronistisch wirkt. Als ob der Pfarrer den Impfsoldaten seinen Segen für den heiligen Krieg gegen die Pandemie geben würde.

Was mir jedoch mehr Sorge bereitet als dieses Zwischenspiel, ist die angewandte Rhetorik. Zuerst werden Impfgegner mit Verschwörungs-theoretikern in einen Topf geworfen, wodurch ihnen automatisch die Fähigkeit zur Vernunft abgesprochen wird.

Dann, und das ist das Eigentliche, meint der Herr vom Dom, man müsse mit diesen Leuten „reden wie mit kleinen Kindern“. Damit werden sie gleichsam entmündigt und als unzurechnungsfähig markiert. Der Erwachsenenstatus und das Recht, als Erwachsene auf Augenhöhe respektiert und gehört zu werden, wird ihnen entzogen. Sie sind niemand mehr, den oder die man ernst nehmen müsste.

Solche Rhetorik und Haltung sehe ich als ernsthafte Gefahr für die Demokratie, deren Basis es ist, dass „etwas so oder auch anders sein kann“ (H.Arendt). Pfarrer und Kanzler neigen offensichtlich dazu, dass etwas nicht mehr anders sein kann, sondern nur noch so wie sie es verkünden. Wer andere Meinungen vertritt, ist ein Spinner (Verschwörungstheorie) oder nicht zurechnungsfähig und nicht ernstzunehmen (kindlich naiv). Die Vereinigung von Kirchenkanzel und Kanzleramt könnte, wenn sie andauert, für die Demokratie zum Gefahrenpotential werden. Zumindest ist die hier präsentierte Haltung zutiefst antidemokratisch.

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