Sturm oder nicht ?

Einerseits findet eine gewisse Entschleunigung des Lebens statt, schon allein, dass so wenig Autos in den Straßen unterwegs sind verbreitet Ruhe, andererseits geht alles sauseschnell, was heute noch wirklich ist, ist morgen schon anders. Da ist man mit dem mitdenken und fühlen gefordert und doch stets hinterher. Da eine neue Maßnahme, dort eine andere, hier eine Ankündigung, da eine Sperre, usw.

Nicht genau wissen, was wird sein und wie lange wird es sein, das verunsichert. Ankündigungen eines Sturms finde ich da kontraproduktiv. Schließlich haben wir den Replikationsfaktor von 4 auf 2 halbiert, und jetzt werden die Maßnahmen noch verschärft. Wär da nicht logischer, dass wir den Faktor nochmals halbieren können, mit den schärferen Maßnahmen, und dann bald unter eins und über den Berg sind?

Also wenn trotz dieser Maßnahmen ein Sturm kommt, dann waren sie nichts wert. Und kommt er nicht, dann hat da einer maßlos übertrieben. Nicht falsch verstehen: Ich bin sehr für Maßnahmen, die die Verbreitung des Virus eindämmen. Das ist fraglos richtig und wichtig. Ob da allerdings Panikmache hilfreich dafür ist, bezweifle ich. Heute beim Einkauf viele Menschen gesehen, die wieder deutlich mehr einkauften als in den letzten Tagen.

Stephan

Corona Zeit

Verliere fast ein bißl das Zeitgefühl. Ist es jetzt die zweite oder die dritte Woche im home office? Der Ausnahmezustand wird langsam zum Alltag, ich coronier so vor mich hin. Rein von der Uhr her gesehen ist die Sturkur ja dieselbe, 8 bis 16 Uhr. Nur sonst ist alles anders.

Schon allein die Bewegung reduziert sich durch das Wegfallen der Arbeitswege. Wenn ich die Firma betrete, ist es, als ob ich automatisch ein Arbeits-Ich anziehen würde. Das geht sich auf dem Weg von der Küche in mein Arbeitszimmer nicht aus. Es funktioniert einfach nicht. Am ehesten noch während der beruflichen Telefonate. Trotzdem ist es so eine Art Zwischenstadium, weder privat noch beruflich. Vielleicht muss ich ja erst ein home-office-Ich entwickeln. Ja genau. Ein home-office-ich.

Switchen ist angesagt. In dem Moment, da ich das schreibe bin ich Privat-Ich. Jetzt klingelt das Diensthandy und schon bin ich Office-Ich.

Stephan

Kreativ sind wir schon

 

Abgesehen von den unwirtlichen Folgen zeigt sich aber auch Positives. Nachbarschaftshilfe wird angeboten, einfach so. In den Straßen ist es ruhig, als ob jeden Tag Sonntag wäre. Smoggebiete sollen seit langem wieder klarere Luft haben. Unsere hektische Lebensart entschleunigt sich, es wird mehr gelesen. Und: Viele werden kreativ. Allein und miteinander, zumindest virtuell.

Ob Fotos oder GIFs, Lieder, Videos oder Texte, vielleicht wird auch nur verstärkt herumgeschickt und die clips ‚gehen schneller viral‘. Doch gibt es da im Nezt echt humorvolle Beiträge. Zumindest in der virtuellen Kommunikation haben sich auch Räume geöffnet. Der körperliche Abstand führt gleichzeitig zu mehr seelisch sozialer Nähe, Gemeinsamkeit wird spürbarer, ein WIR gestärkt. Und das WIR wird diesmal nicht durch einen Feind oder ein Feind-Bild erzeugt. Keine Minderheit, kein fremdes Volk, keine Randgruppen müssen darunter leiden – nur das Virus.

Stephan

Ausnahmezustand

Zwei Wochen dauern nun die Verordnungen zur Eindämmung der Covid-19 Pandemie in Österreich und ich kann es immer noch nicht wirklich einordnen. Die vorhandenen Kategorien passennicht, es gibt keine Vergleichsmöglichkeit.

Soll ich mich fürchten, das Daheimsein genießen, einfach warten, bis es vorbei geht …? Keine Ahnung. Was aber offensichtlich wurde: Unsere wohlhabende Lebensweise ist nicht so sicher wie wir gedacht haben, sie ist verletzbar. Wir haben dahingelebt als ob es immer so weitergehen würde, trotz Klima- und Umweltkrise, trotz der Kriege, trotz einer sozialen Ungleichtheit, ähnlich den Zeiten des Sonnenköngs. Irgendwie würde es schon gehen. Es geht uns ja eh ganz gut.

In diese selbstgenügsame Lebensweise reißt die Covid-19 Pandemie eine offene Wunde, von der wir noch nicht wissen, wie wir sie behandeln sollen. Für die Zeit nach der Akutbehandlung ist aber eines klar: Es werden Narben zurückbleiben, die weniger mit Medizin als mit Gesellschaft, Weltsicht, Demokratie und sozialem Miteinander zu tun haben werden.

Stephan