Covid 19 – ein neoliberaler Glückstreffer

Virus, Virus, Virus – nichts anderes hört man zur Zeit. Abstandsregeln, Maskenpflicht, Ankündigung von Lockerungen der Maßnahmen, Statistiken und Daten, die in ihrer wahren Bedeutung schwer einschätzbar sind, Warnungen vor einer zweiten Welle, Verbreitungsgeschwindigkeit, Erkrankungszahlen, Genesungen und Sterblichkeiten, medizinisch epidemiologische Strategien – das ist eine Sache.

Die andere Sache sind die gesellschaftlichen Folgen, die sich aus den Maßnahmen der Regierungen ergeben und sämtliche Bereiche des gesellschaftlichen Lebens betreffen, bis hinein in die Psyche der einzelnen Menschen. Sowohl (!) das Virus selbst wie auch die sekundären Folgen treffen drei Bevölkerungsgruppen besonders hart: Alte, Kranke und Arme.

Der reichen Elite macht es nichts aus, ein paar Wochen oder Monate nichts zu tun, Vermögen ist genug vorhanden, und falls alt und krank, genießen sie die beste medizinische Versorgung. In ärmeren Schichten kann schon ein Einkommensverlust von ein paar Wochen eine ernsthafte Gefährdung bedeuten und Einzelpersonen und Familien in existentielle Nöte bringen. In vielen der ärmeren Länder und Gebiete dieser Erde gibt es kaum Zugang zu ausreichender medizinischer Versorgung, und auch so etwas wie ’social distancing‘ ist dort kaum durchführbar.

Längerfristig bedeutet das eine weitere Vergrößerung der sozialen Ungleichheit, der Kluft zwischen reich und arm. Da die Notwendigkeit, einen Anteil der Bevölkerung in Armut zu halten bzw. die Produktion von Armut der neoliberalen Ideologie-Theorie immanent ist, erscheint die Pandemie aus dieser Sicht als ein neoliberaler Glückstreffer.

Stephan

Nachsicht oder Nachsehen?

Seien Sie bitte nachsichtig, wenn das Handeln der Regierung nicht genau der Verfassung entspricht. Juristische Fragen seien in diesem Bereich (Corona-Maßnahmen) nicht auf Punkt und Beistrich überzuinterpretieren, wichtig sei, dass die Menschen mitmachen und sich alle daran halten (Originalzitat s.u.). So reagiert der Bundeskanzler eines Landes auf die Kritik, dass sich die Regierung nicht an die Verfassung hält.

In der Pressekonferenz vom 14. April 2020 wurde neuerlich offenbar, wie der Kanzler zum Rechtsstaat steht. Wichtig an seinen Verordnungen ist, dass die Menschen gehorchen. Ob es rechtmäßig ist oder nicht – bitte nachsichtig sein und nicht so genau hinschauen – das soll später ein Gericht entscheiden, dann wäre aber sowieso schon alles vorbei. Erinnert an die krasse Überziehung der Wahlkampfkosten, nur dass diesmal Art und Ausmaß sowie die Folgen die gesamte Bevölkerung direkt betreffen, ihr Alltags-, Berufs- und Privatleben.

Von der Überschreitung gesetzlich festgelegter Ausgaben bis zur Missachtung der Verfassung war es nicht weit. Die Frage ist da schon, was kommt noch? Die aktuelle Ausnahmesituation betrifft alle und viele haben Angst. Man sehnt sich nach Sicherheit und klarer Orientierung. Da ist man schon mal nachsichtig, wenn sich der Kanzler nicht so ganz an die Regeln hält, uns dafür aber sicher durch die Krise führen will.

Ich möchte die Leistungen der Regierung nicht schmälern, da gab es viel Gutes und Richtiges, was schon allein an den Zahlen und der momentanen Entwicklung abzulesen ist. Nur gelten Verfassung und Grundrechte halt auch in einer Ausnahmesituation und wenn sie notwendigerweise überschritten und nicht eingehalten werden, sollte man es mit möglichst hoher Transparenz tun. Nicht nur für die parlamentarische Opposition, sondern für die gesamte demokratische Öffentlichkeit. Der Wille dazu scheint jedoch kaum vorhanden zu sein. Lieber bittet man um Nachsicht und vertröstet darauf, dass sich die Gerichte schon irgendwann damit beschäftigen werden.

Wenn Überschreitung von Gesetz und Verfassung in einer Ausnahmesituation not-wendig ist, dann muss offengelegt werden, wo genau die neuralgischen Punkte sind, warum es in der aktuellen Situation Sinn macht, über die Verfassung hinaus zu gehen, wozu es gut ist und wie lange die Ausnahme gelten soll, wann wird die Maßnahme wieder beendet. Und wer ist ermächtigt, diese Prozesse hier und jetzt und nicht irgendwann zu kontrollieren und gegebenenfalls einzugreifen. Damit wir später nicht das Nachsehen haben.

Stephan

Zitat aus der Pressekonferenz der Regierung am 14.4.2020:
„… sollen sich natürlich alle Juristen, die im Gesundheitsministerium an den entsprechenden Verordnungen und Erlässen arbeiten, bemühen, dass alles verfassungskonform abläuft, aber ich bitte trotzdem um etwas Nachsicht, dass das eine Ausnahmesituation ist, und insofern würd ich diese juristischen Fragen in diesem Bereich auch nicht unbedingt überinterpretieren, wichtig ist, dass die Menschen mitmachen, dass sich alle dran halten, und ob das alles auf Punkt und Beistrich in Ordnung war oder nicht, das wird dann am Ende des Tages der Verfassungsgerichtshof entscheiden aber wahrscheinlich zu einem Zeitpunkt wo die Maßnahmen gar nicht mehr in Kraft sind…“

Corona und Nähe?

Je länger es dauert, umso schwerwiegender können die psychischen Folgen sein. Wer vorher schon mit Ängsten zu kämpfen hatte, inneren oder äußeren Bedrohungen, wird es noch schwerer haben, damit umzugehen. Menschen in Single-Haushalten erscheinen die Maßnahmen wie eine Isolierhaft, die Beschwörung der Gefahr, wie wir sie von Politik und Medien ständig hören, sät Misstrauen zwischen den Menschen. Hat der andere das Virus? Kann er mich gefährden? Der propagandamäßig verbreitete Slogan ‚Halten Sie Abstand‘ ist epidemiologisch richtig und menschlich desaströs.

Maßnahmen, die zur Bekämpfung der Pandemie richtig sein mögen, haben auch Nebenwirkungen. Wie Medikamente, die das Symptom bekämpfen, aber in anderen Bereichen des Organismus Schäden verursachen. Nimmt man es zu lange ein, können diese auch dauerhaft sein. Ähnliches gilt für psychosoziale Folgeschäden der Pandemie/Maßnahmen.

Wenn wir zu lange Kontakte einschränken, Abstand halten, Berührung und Nähe vermeiden, mit der Begründung, der andere sei eine Gefahr, er könnte mich anstecken und damit mich und andere bis hin zur Todesfolge gefährden, dann werden wir, bei genügender Dauer, ’social distancing‘ verinnerlichen. Und das – ist eine ideale Voraussetzung für Feindbildpolitik wie sie schon vor Corona zur Genüge betrieben wurde.

Wir sind Sozialwesen und brauchen den Kontakt, die Zuwendung, die Nähe, die Haut zu Haut Berührung. Egal wie es weitergeht, müssen wir einen Weg finden, Kontakt und vertrauensvolle Nähe zu ermöglichen, ohne ein zu großes Risiko der Verbreitung einzugehen. Keine Quadratur des Kreises, doch ein genaues und sorgsames Abwägen der Maßnahmen, mit Blick auf eine sinvolle Verhältnismäßigkeit.

Stephan

Corona und die Homöopathie

Das Covid-19 Virus, heißt es, kann den Geruchs- und Geschmackssinn schwer beeinträchtigen. Beide sind Nahsinne, der Geschmackssin sowieso, der braucht direkten Kontakt zwischen Subjekt und Subjekt oder Subejkt und Obejkt, anders funktioniert er nicht. Der Geruchssinn kann ein wenig in die Ferne schweifen, wenn wir frühmorgens an einer Bäckerei vorbeigehen, riechen wir schon von weiter weg das frisch gebackene Brot, manchmal, wenn wir in eine U-Bahn einsteigen, empfängt uns der Geruch eines weit weg sitzenden Menschen. Jeder Raum, jede Wohnung hat ihren eigenen Geruch.
Um aber zu wissen wie ein Mensch riecht, müssen wir ihm oder ihr sehr nahe kommen, dann wissen wir, ob wir ihn oder sie gut riechen können oder nicht.

Erstaunlicherweise bekämpfen wir das Virus jetzt genau damit, was es selbst erzeugt: Distanz im sozialen Kontakt. Wir bekämpfen es durch das sog. social distancing, was auch mit sich bringt, dass wir bei Begegnungen Menschen weniger riechen und natürlich auch schmecken. Klingt fast homöopathisch, Gleiches mit Gleichem bekämpfen. Ein Virus, das soziale Nähe durch Störung der Nahsinne beeinträchtigt, wird durch soziale Distanz bekämpft. Und das social distancing, das wir ‚einnehmen‘ sollen, entsteht vor allem durch – Information.

Was man beachten sollte, sind die Nebenwirkungen. Über längere Zeit den sozialen Kontakt einzuschränken, nicht nur durch riechen, schmecken und Berührungs-Nähe, auch zum Beispiel durch verstecken der Mimik in der direkten Kommunikation, wird sich, bei entsprechender Dauer, auf das Erleben unserer Konakte auswirken. Und wenn es nur ein Nachklingen ist, wenn die Einschränkungen wieder aufgehoben werden. Die Frage ist, ob nicht ein Kerngefühl von Misstrauen zurückbleibt. Wir hören von der Politik: Die Gefahr ist mitten unter uns. Auch wenn dieses Corona vorbei ist, wissen wir, es könnte ein nächstes kommen. Damit bleibt die Gefahr vorhanden.

Stephan

Die Angst in der Nase

‚Ein Sturm wird kommen‘ – ‚Jeder wird einen an Corona verstorbenen Menschen kennen‘ – ‚Wir könnten über 100.000 Tote haben‘ – … etc. – der Sturm müsste jetzt schon da sein, ist er aber nicht, weitaus nicht jeder kennt einen Corona-Verstorbenen und wird es nicht, aktuell sind 273 (!) Menschen in Österreich an Corona gestorben – bei sinkender Verbreitung des Virus.

Auch wenn die Maßnahmen sinnvoll sind – ist es auch die Rhetorik der Angst? Die Antwort ist wohl eindeutig: NEIN. Selbst wenn sie vielleicht zur Einhaltung der Maßnahmen beigetragen hat: Corona wird vorbei sein, die Angst wird bleiben. Angst nistet sich ein, sie versteckt sich im Ohr, in den Augen, in der Nase, im Gehirn, in der Muskulatur, auch im Herzmuskel. Mag sein, dass es ein großes Feiern gibt, wenn der Virus besiegt sein wird, die Ablagerungen der Angst verschwinden deshalb nicht einfach so. Sie werden höchstens vorübergehend ausgeblendet.

Eingeübte Ängstlichkeit wird sich auf unsere Interaktionen auswirken. Wir bekommen immer wieder gesagt, auch Menschen ohne Symptome können Überträger sein, und es könnte eine zweite und dritte Welle geben. Die Bedrohung bleibt also aufrecht. Die Ablagerungen der Angst machen uns sensibel und sind sehr schnell aktivierbar, wenn die Politik findet, es sei notwendig. Wobei die Angst nicht unterscheidet, ob es sich um einen unsichtbaren Virus oder einen sichtbaren Teil in der Gesellschaft oder gar ein anderes Land handelt. Die Angst ist – ähnliche wie der Virus – mit jedem geeigneten Wirt zufrieden.

Arbeit mit der Angst passiert nicht einfach so zufällig, sie wird bewusst eingesetzt. Eine Bevölkerung, die Angst hat, ist viel leichter steuerbar. In welche Richtung auch immer.